1.-MAI-KOMITEE ZÜRICH MEDIEN
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Neue Zürcher Zeitung INLAND Samstag, 29.04.2000 Nr.100   13

Verlorenes Jahrzehnt für die Gewerkschaften

«Bitte keine Nostalgie», schreibt Peter Bichsel den Gewerkschaften zum 1. Mai ins Stammbuch. Nichts belaste Gewerkschaften und Sozialdemokraten gleichermassen wie ihre romantisch-nostalgische Geschichte, die immer wieder auf drei Tage gloriosen Generalstreik reduziert werde. Doch der Rentner Bichsel erinnert sich mit verklärtem Blick seiner ersten Jahre als Jüngster unter den «Brüdern zur Sonne» und weiss die alten Kämpfer von einst zu rühmen: still und kräftig, gebildet und auf Gutenbergs «Büchergilde» abonniert. Nüchterner fragt eine Gewerkschaftssekretärin im Verbandsblatt, wo denn heute am 1. Mai die vielen Beitragzahlenden und Beitragabstinenten bleiben, die sich das ganze Jahr auf die Arbeit der Gewerkschaften verlassen.

Auch die Broschüre des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes zum 1. Mai mit der Ermutigung zum Arbeitskampf beschwört alte Zeiten, als die Schweiz bezüglich Streiks noch ein ganz normales europäisches Land gewesen sei. Den Retro-Kult auf die Spitze treibt das Zürcher 1.-Mai-Komitee mit seiner Einladung an die «Ostalgikerin» Sahra Wagenknecht, die in ihrem rigiden Antikapitalismus den 1989 untergegangenen kommunistischen Diktaturen nachtrauert. Selbst innerhalb der umstrittenen PDS mit ihrer «Kommunistischen Plattform» auf dem absteigenden Ast, soll Wagenknecht wenigstens für Zürich aus bankrott gegangenen Systemen von gestern Modelle für die Zukunft entwickeln. Man darf das Ergebnis vorwegnehmen: Ausser einem Blickfang für Kameras und Spesen nichts gewesen.

Die wehmütigen Blicke auf weiter zurück liegende Zeiten sind kein Zufall. Die Gewerkschaften verbuchen die langen neunziger Jahre der Rezession nach Angaben ihres Dachpräsidenten als «verlorenes Jahrzehnt». In der Tat hinterliess der ruppige Strukturwandel bei den Gewerkschaften mentale Verunsicherung und grosse Löcher: Rund 80 000 Mitglieder hat der Gewerkschaftsbund seit 1980 verloren und damit auch Beiträge von rund einer Million Franken, die für die politische (Sozial-)Arbeit in Zeiten härterer Verteilungskämpfe fehlten. Es gelingt den Gewerkschaften bisher nur unzureichend, die weitgehend strukturell bedingten Verluste in ihren Hochburgen Bau und Industrie durch neue Mitglieder in wachsenden Beschäftigungsfeldern der Dienstleistungen zu kompensieren. Der Versuch, diese gewerkschaftlichen Wüsten zu begrünen, braucht zumindest mehr Zeit. Die von den Gewerkschaften GBI und SMUV lancierte Dienstleistungsgewerkschaft Unia hat ihre Mitgliederzahl innerhalb dreier Jahre verdoppelt, doch ist die Basis mit 24 000 Mitgliedern immer noch schmal, zumal die Konkurrenz-Gewerkschaft VHTL gleichzeitig erhebliche Verluste erlitten hat.

Die Frustration über mangelnde Resonanz bei Arbeitnehmern macht sich innerhalb der Gewerkschaften immer deutlicher bemerkbar, auch wenn sie bisher vom Hauskrach der SP übertönt wird. Vasco Pedrina und Christiane Brunner hatten 1998 das Kommando des Gewerkschaftsbundes mit der Begründung abgegeben, sie wollten als Präsidenten der beiden mächtigsten Gewerkschaften Bau und Industrie (GBI) und SMUV die Kräfte bündeln und gemeinsame Häuser errichten. Unterdessen hat eine müde gewordene Christiane Brunner ihren Rücktritt als SMUV-Präsidentin angekündigt, während sich der GBI-Präsident nach dem Vertragsabschluss mit den Baumeistern mit einer «Palastrevolution» konfrontiert sah. Das beschleunigt das ohnehin schwierige Projekt einer gemeinsamen Gewerkschaft nicht. Mit der noch nicht definierten Fusion der beiden Gewerkschaften ist denn auch frühestens in vier Jahren zu rechnen.

Die Auseinandersetzungen in der Gewerkschaft Bau und Industrie stehen beispielhaft für die Richtungskämpfe zwischen «Realos» und «Fundis» in der gesamten Gewerkschaftsbewegung. Die GBI handelte sich Ende März mit dem neuen Landesmantelvertrag im Bauhauptgewerbe zwar den besten Kontrakt seit zehn Jahren, aber auch einen internen Konflikt ein. Gewerkschafter aus der lateinischen Schweiz hätten zunächst lieber gestreikt statt sich mit 2,3 Prozent mehr Lohn und einem neuen Vertrag begnügt. Sie wollten der regenerierten Baubranche mit Aktionen gegen Grossprojekte wie Neat oder Expo 02 endlich den Meister zeigen, unterlagen aber mit ihrem Vorhaben in der GBI-Zentrale. Der Verantwortliche für den Bereich Bau quittierte in der Folge entnervt seinen Dienst in der Geschäftsleitung der GBI und warf dieser vor, sie habe einmal mehr mit Streik gedroht und dann kleinlaut den Abschluss gesucht. Solcher «syndicalisme de gazette» demotiviere die Basis. GBI-Präsident Pedrina konterte in der «Wochenzeitung» trocken: «Die Leute streiken nicht für die Geschichte, sondern für ihre konkreten Interessen.» Und letzteren seien die unter Druck gesetzten Baumeister nachgekommen.

Die Geister innerhalb der Gewerkschaften scheiden sich bei dieser Grundwertdebatte überwiegend am Röstigraben. Die Westschweizer Arbeitnehmerorganisationen mit generell höherem Organisationsgrad sind an der Urne sowie auf der Strasse kampfeslustiger. So ergriffen Gewerkschaftsbünde aus der Westschweiz im Widerspruch zu fast allen nationalen Gewerkschaften auch gegen die verbesserte Zweitauflage des Arbeitsgesetzes das Referendum und leisteten gegen die Arbeitszeit-Initiative des Gewerkschaftsbundes passiven Widerstand, weil sie flexible (Jahres-)Arbeitszeiten prinzipiell ablehnen. Der VPOD führt in den Westschweizer Kantonen seit längerem auf breiter Front Arbeitskämpfe gegen Sparprogramme und Leistungslöhne im öffentlichen Dienst.

Mit dem Referendum gegen das neue Bundespersonalgesetz will der VPOD auch die Deutschschweizer in diesen Kampf einbinden. Der Besitzstand des Staatspersonals soll integral verteidigt und die Kampagne überdies zu einem Feldzug für den Service public genutzt werden. Ob dies unter dem Deckmantel «Bundespersonalgesetz» vom Volk an der Urne goutiert wird, ist fraglich. Der Linken fehlt nämlich eine kohärente Strategie für die öffentlichen Dienstleistungen, wie Serge Gaillard als ökonomischer Vordenker der Gewerkschaften in der «Roten Revue» einräumt. Es gibt neben den Verteidigern des Status quo auch unter Gewerkschaftern und Sozialdemokraten überzeugte «Blairisten», die sich Öffnungen beim Staat und bei seinen Betrieben nicht verschliessen, ja in der schieren Besitzstandwahrung und Strukturerhaltung sogar eine Gefahr für die Beschäftigten bei Bahn, Post oder Elektrizitätsgesellschaften sehen. Auch leistungsgerechte Löhne für Staatsangestellte lassen sich beim leistungsgewohnten Schweizer so leicht nicht verteufeln, zumal im öffentlichen Dienst die Spanne zwischen den höchsten und tiefsten Löhnen viel kleiner als in der Privatwirtschaft ist.

In diesem defensiven Reagieren liegt auch einer der Gründe, weshalb es den Gewerkschaften so schwer fällt, neue Kunden in neuen Segmenten zu gewinnen, statt bloss möglichst viele Genossen in strukturschwachen Branchen bei der Stange zu halten. Wer leistungsgerechte Löhne verketzert, flexible Arbeitszeitmodelle ablehnt, stellt sich in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft letztlich gegen die Interessen der Arbeitnehmerschaft. Wer, wie der Gewerkschaftsbund, eine Verkehrshalbierungsinitiative nicht bekämpft, verspielt seine wirtschaftspolitische Glaubwürdigkeit. Und wer, wie die Vizepräsidentin der Gewerkschaft «comedia», mit dem Gedanken spielt, «lieber eine Bank auszurauben, statt mit Arbeit Geld zu verdienen», wird gewiss keine (Bank-)Angestellten finden, die solche Provokationen noch mit Beitritt und Beiträgen honorieren.

Wollen die Gewerkschaften nicht ein weiteres Jahrzehnt verlieren, müssen sie die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs für eine programmatische Neuorientierung nutzen. Anders als die Sozialdemokraten können sich die Gewerkschaften nicht auf die Rolle einer «mitregierenden Opposition» kaprizieren, ohne die Sozialpartnerschaft zu gefährden, die von der Arbeitnehmerschaft im eigenen Interesse gesucht wird.

Sx.
 

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