|
Neue Zürcher
Zeitung INLAND Samstag, 29.04.2000 Nr.100 13
«Kapitalismus ist
nur scheinbar ohne Alternative»
Kämpferischer 1. Mai und
Ausschreitungen in Zürich
An der 1.-Mai-Kundgebung in Zürich haben
SP-Nationalrat Paul Rechsteiner und die deutsche
Kommunistin Sahra Wagenknecht in ihren Reden mit verblüffend
ähnlicher Rhetorik und fast gleichen Worten den «Shareholder-Kapitalismus»
kritisiert. Beide riefen dazu auf, sich für höhere Löhne
und den Sozialstaat, aber gegen Privatisierungen, zu
wehren. Sahra Wagenknecht erntete den wärmsten Applaus,
Rechsteiner Pfiffe für seine Kritik an Frau
Wagenknecht, der er Sehnsucht nach dem real
existierenden Sozialismus vorwarf.
ese. Als zäher Tausendfüssler hat sich
am Montag morgen der 1.-Mai-Umzug vom Central durch die
warm besonnte Zürcher Innenstadt bewegt. Nur schleppend
kamen die Gewerkschaftsgruppen voran; ihr friedlicher
Vorbeimarsch dauerte über eine halbe Stunde. Die
Organisatoren der Kundgebungen zum Tag der Arbeit in Zürich,
der Gewerkschaftsbund der Stadt Zürich und das
1.-Mai-Komitee, sprachen von 15 000 Personen, die
am Umzug teilgenommen hätten. Auf nur 5000 kam die
Polizei, deren Schätzung den Tatsachen sicher näher
kommt.
«Wende nach links»
«Widerstand lohnt sich für den
Werkplatz Schweiz», «Für gute öffentliche Schulen -
gegen Sponsoring und Privatisierung», «Kein
Leistungslohn für öffentliche Angestellte» hiess es
auf Transparenten, die von den Gewerkschaftern
mitgetragen wurden. Oft genannt wurde die
Gewerkschaftskampagne für einen Mindestlohn von 3000
Franken. Ein weisser Tupfer im roten Umzug war das
Pflegepersonal der Spitäler im Kanton Zürich, das ab
Dienstag mit Streikaktionen für seine Anliegen kämpfen
will. Wie immer war die Kundgebung dominiert durch Ausländergruppen
von der Türkei bis Sri Lanka. Sie mobilisierten einmal
mehr das Gros der Umzugsteilnehmer und boten die
malerischsten Motive.
Am Pult auf dem Helvetiaplatz redete SP-
Nationalrat und Gewerkschaftsbundpräsident Paul
Rechsteiner dann Klartext: Bei den Vorschlägen des
Bundesrats für den Umbau der AHV handle es sich «um
nichts anderes als um eine Kampagne zu Verschleierung
der realen Vorgänge, nämlich einer Umverteilung von
unten nach oben». Während die Löhne stagnierten,
kassierten die Kader, die Aktionäre und der
Finanzsektor ab. Das «vermeintliche Totschlägerargument
Globalisierung» müsse herhalten «als faule Ausrede
dafür, dass der Staat sowieso nichts machen könne und
der Entwicklung einfach zusehen müsse.» Indessen gibt
es nach Ansicht Rechsteiners Ansätze zu einer
Gegenbewegung, wie sie in den Protesten gegen die
WTO-Runde in Seattle zum Ausdruck gekommen seien.
«Der Kapitalismus ist nur scheinbar ohne
Alternative», sagte Rechsteiner weiter. Die
Schwierigkeit liege aber darin, dass die Linke bisher
nicht in der Lage gewesen sei, auf internationaler Ebene
ein Gegenprogramm zu formulieren. Eine neue Wende nach
links sei notwendig. Dabei könne es aber «nicht in
Richtung des sogenannten dritten Wegs der Marke Blair
und Schröder gehen, der Rhetorik der Anpassung von ein
paar sozialdemokratischen Regierungschefs an die
herrschenden Verhältnisse». Anderseits könne, er müsse
es erstaunlicherweise gerade hier in Zürich sagen, die
notwendige Wende auch nicht in Richtung der «klappernden
Skelette der Vergangenheit» gehen, der Sehnsucht nach
dem «von der Geschichte zu Recht erledigten» real
existierenden Sozialismus. Für die klar auf seine
Nachrednerin Sahra Wagenknecht gemünzte Aussage erntete
Rechsteiner Pfiffe aus dem Publikum.
Mit dem kämpferischen Schluss seiner
Rede konnte der SGB-Präsident die Scharte nicht mehr
auswetzen. Die Schweiz habe den Streik als Kampfmittel
der Arbeitnehmer weitgehend verdrängt, aber «daran hat
sich nun einiges geändert». Paul Rechsteiner erinnerte
an Arbeitskämpfe jüngeren Datums und an die Zürcher
Spitalpfleger.
«Ungehemmte Macht des Geldes»
Die deutsche Kommunistin Sahra
Wagenknecht wurde vom Publikum warm, fast mit
Begeisterung, empfangen. Dabei vertrat sie eine Haltung,
die von derjenigen Rechsteiners nicht allzuweit entfernt
liegt. Auch sie beklagte die Umverteilung von unten nach
oben: «Grossunternehmen und vor allem Banken fahren
europaweit Rekordgewinne ein. Während geleistete Arbeit
immer schlechter bezahlt wird, explodieren die
Unternehmer- und Vermögenseinkommen.» Dabei sei dieser
«Shareholder-Kapitalismus» alles andere als
alternativlos. «Lassen wir uns doch nicht einreden,
dass der Kapitalismus unüberwindbar sei, nur weil der
erste Versuch gescheitert ist.» Gefragt sei eine
Politik, die den Mut aufbringe, das Geld dort zu holen,
wo es sich häuft, bei Banken, grossen
Kapitalgesellschaften und Multimillionären.
Indessen werde versucht, sagte das
PDS-Mitglied Sahra Wagenknecht, jedes Nachdenken über
Alternativen durch Verweis auf Vergangenes zu
diskreditieren, wie dies Christoph Blocher getan habe:
Er denunziere jeden, der dem Renditewahn auch nur die
geringste staatliche Regelung entgegenhalte, als totalitären
Menschenfeind. Aber, fragte die Rednerin: «Ist die
ungehemmte Macht des Geldes nicht totalitär?» Zum
Stalinismus-Verdacht, der an ihr klebt wie Araldit,
sagte Frau Wagenknecht, dass sie die unter Stalin
begangenen Verbrechen natürlich verurteile und dass es
ihr nicht darum gehe, die politischen Defizite des
vergangenen Sozialismus auch in der Nach-Stalin-Ära schönzureden.
«Es ist einfach absurd, jedem, der sich mit der
heutigen Renditegesellschaft nicht abfinden will, zu
unterstellen, er wolle die Vergangenheit wiederbeleben.»
|