>>> zurück zum 1. Mai Komitee Zürich

Cover 1. Mai Zeitung 1998

Inhalt 98

 

Pinochet vor den Richter. Freiheit für Patricio Ortiz

In Zürich sitzt ein chilenischer Widerstandskämpfer im Gefängnis. Nach sechs Jahren Haft und schwerer Folter suchte Patricio Ortiz Zuflucht in der Schweiz. Jetzt wollen die Schweizer Behörden den 33-jährigen Flüchtling wieder nach Chile ausliefern: In die Hände seiner Verfolger. Der Foltergeneral Augusto Pinochet wünscht es so.

pato.jpg (10607 Byte)Vor 25 Jahren setzte in Chile ein General den demokratischen Hoffnungen eines ganzen Volkes ein Ende. Die Regierung der Unidad Popular mit ihrem Präsidenten Salvador Allende wurde im September 1973 weggeputscht, Allende selbst von den Militärs umgebracht. Der Juntachef Augusto Pinochet errichtete ein grausames Regime. Die Rückendeckung für ihre Bluttaten hatten die Mörder in Santiago aus Washington erhalten.

Nach dem Putsch begannen junge Manager aus Chicago auf den Trümmern der chilenischen Demokratie ein ebenso brutales wirtschaftliches Regime aufzubauen. Chile war das Versuchslabor der Neoliberalen. Der «freie» Markt triumphierte. Die Multis verdienten gut. Ein grosser Teil der Bevölkerung hungerte.

In den 80er-Jahren hat sich die chilenische Volksbewegung langsam wieder von den Bluttaten erholt. Jugendliche gingen auf die Strasse. Viele kämpften im Untergrund gegen Pinochet. Zu ihnen gesellte sich auch Patricio Ortiz. Er schloss sich dem «Frente Patriotico Manuel Rodriguez» (FPMR) an.

Auf Druck der Strasse musste Pinochet die Macht im Jahre 1991 formell an eine demokratische Regierung abtreten. Der General kontrolliert aber weiterhin die Geschicke des Landes. Im März 1998 trat er nach seinem Rücktritt als Armeechef das Amt eines «Senators auf Lebenszeit» an, das ihm Straffreiheit und politischen Einfluss garantieren soll.

Patricio Ortiz war 1991 verhaftet worden. Die Militärpolizei folterte ihn schwer. Erst Jahre später wird er wegen eines angeblichen Polizistenmordes in einem zweifelhaften Verfahren zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Am 30. Dezember 1996 gelingt dem FPMR jedoch eine spektakuläre Befreiungsaktion. Mit einem Helikopter werden Patricio Ortiz und drei seiner Genossen aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Santiago befreit. Das Militär tobt. Die Bevölkerung klatscht.

Im Juli 1997 reiste Patricio Ortiz in die Schweiz ein und stellte einen Asylantrag. Die Bundespolizei in Bern hatte allerdings schon frühzeitig Kenntnis erhalten von der Ankunft des prominenten politischen Häftlings aus Chile. Sie hat mit den Behörden in Santiago Kontakt aufgenommen. Man bereitete ein Auslieferungsbegehren vor. Im September traf dieses aus Chile ein. Seither sitzt Patricio Ortiz in Haft.

Die Verhaftung hat Proteste ausgelöst. Neben vielen anderen haben auch Prominente aus dem In- und Ausland nach Bern geschrieben und die Entlassung von Patricio Ortiz verlangt. Bisher führten diese Anstrenungen noch nicht zum Ziel. Doch die Hoffnung bleibt.

Patricio Ortiz muss freigelassen werden. Vor Gericht gehören seine Folterer. Ins Gefängnis muss das Monster: Augusto Pinochet.

Walter Angst