>>> zurück zum 1. Mai Komitee Zürich

Cover 1. Mai Zeitung 1998

Inhalt 98

 

Das sind die Leute, die am 1.Mai auf die Strasse gehen

Wer sind die Frauen und Männer, die alljährlich am 1.Mai-Umzug teilnehmen, sich die Reden der Schlusskundgebung auf dem Helvetiaplatz anhören und vielleicht noch an der Nachdemo mitmachen – mit dem Risiko, von der Polizei eins aufs Dach zu kriegen? Was bewegt die Aktivist/-innen und die einfachen Teilnehmer/-innen des grössten politischen Anlasses, der alljährlich in Aussersihl stattfindet? Daniel Stern hat sieben Menschen getroffen, die am 1. Mai auf die Strasse gehen.

«Der erste Mai ist der Kampftag der Arbeiterklasse», sagt Mehmet Akyol. Der Funktionär der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) gehört zu den Organisatoren. Seit den frühen achtziger Jahren ist er Mitglied des 1.Mai-Komitees. Zur diesjährigen Hauptparole des Komitees – «Globalisiert die Solidarität» – meint er: «Internationale Solidarität tönt ein wenig altmodisch». Und er ergänzt: «Alle reden von Globalisierung, wieso nicht auch wir?»

Der 44-jährige Akyol war schon als Student in seiner Heimat – der Tür-
kei – politisch aktiv. Als 1980 das türkische Militär putschte, musste er in die Schweiz fliehen. Er stand als Redaktor einer linken Parteizeitung im Visier der Machthaber.

Seit 1983 arbeitet Mehmet Akyol in Zürich für die Gewerkschaft. Er ist zuständig für die Textilarbeiter/-innen und die türkischsprachigen Gewerkschaftsmitglieder. In dieser Funktion führt er Lohnverhandlungen, unterzeichnet Gesamtarbeitsverträge und organisiert auch Streiks. «In der Schweiz ist der Streik als Kampfmittel durchaus einsetzbar», sagt er überzeugt. Rund ein Dutzend mal war er bisher beteiligt, als Arbeiter/-innen zu dieser Kampfform griffen. Wichtig sei das Vertrauen der Männer und Frauen an der Basis in die Organisation und die Funktionäre. Wenn dieses Vertrauen vorhanden sei, so seien auch Solidaritätsstreiks und politische Streiks möglich.

Sich nicht einschüchtern lassenrichi.jpg (20075 Byte)

Auch Richard Frick macht im 1.Mai- Komitee mit. Der 43-jährige Berufsschullehrer beteiligte sich bereits mit 18 Jahren an der 1.Mai-Feier in Flawil. Er organisierte damals ein Rockkonzert. «Politik hat mich eigentlich nicht interessiert, interessiert war ich an der Rockmusik». Doch anfangs der 70er Jahre war Rockmusik etwas rebellisches, aufmüpfiges und somit natürlich auch von gesellschaftspolitischer Bedeutung.

Seit seiner Lehre ist Frick mit Kuba verbunden. Er reist öfters auf die Insel, arbeitete schon einmal in einer Solidaritätsbrigade und bei der Parteizeitung «Granma» und sammelt seit langem kubanische Plakate. Die Internationale Solidarität ist neben seinen Aktivitäten für die Gewerkschaft Druck und Papier (GDP) und die Partei der Arbeit (PdA) sein politischer Schwerpunkt. Als die Befreiungsbewegung MRTA letztes Jahr die japanische Botschaft in Peru besetzt hatte, um ihre in den Kerkern schmachtenden Genoss/-innen zu befreien, war es Richard Frick, der auf die Idee kam, den Europa-Vertreter der MRTA Isaac Velazco als Redner für den 1. Mai vorzuschlagen. Die Fremdenpolizei verbot Velazco zwar das Reden. Doch sein Auftritt in Zürich schuf der MRTA Sympathie. Nebst seinem Engagement für die MRTA setzt sich Richard Frick auch für die kolumbianischen Guerillabewegung FARC ein.

Ebenfalls aktiv ist er im Unterstützungskomitee für den Chilenen Patricio Ortiz, der gegen die Diktatur Pinochets kämpfte und seit Monaten in Kloten in Auslieferungshaft sitzt. Das Komitee fordert Asyl für Ortiz. Für Frick ist dieser Fall exemplarisch: «Die globalisierte neoliberale Politik will weltweit die Opposition einschüchtern».

Richard Frick ist aber auch ein engagierter Berufsschullehrer. Er bildet Lehrlinge im grafischen Gewerbe aus. «Es gibt bei diesen Berufen einen Trend zur Hierarchisierung», beklagt Frick. Man wolle die Lehrzeit kürzen und Grafiker zu «Desktoppern» machen. Er ist jedoch überzeugt, dass die Lehrlinge dies nicht kampflos hinnehmen werden: «Es kommt wieder eine sehr kritische Generation».

Meine Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle

ammirato.jpg (26732 Byte)Die 21-jährige Silvia Ammirato gehört zu dieser Generation. 1996 spielte sie am 1. Mai mit ihrer Band «Wemean» vor begeistertem Publikum. Sie wird auch dieses Jahr am 1. Mai anzutreffen sein. «Wichtig ist mir, dass die Arbeiter/-innen zusammen auf die Strasse gehen, um sich auszudrücken». Der 1. Mai ist für sie ein Tag der Einheit. Für Ammirato ist die Musik, die Arbeit in der Band von zentraler Bedeutung, auch für Erweiterung des politischen Horizonts. Die Band ist für sie der Schritt in die Selbständigkeit. «Ich kann ausleben, was ich im Alltag sonst nicht ausleben kann.»

Alle vier Bandmitglieder kommen aus Wiedikon. Die vier Frauen fanden vor fünf Jahren im Mädchentreff Kreis 3 zusammen. Letztes Jahr reisten sie mit der Schweizer Delegation an die Weltfestspiele der Jugend und Student/-innen nach Kuba. «Wir haben in Musikclubs gespielt – die Leute rasteten aus». Rockmusik komme in Kuba bei den Jugendlichen sehr an. Man könne von einer eigentlichen Rock-Bewegung sprechen. Die Musik sei für die Jugendlichen zu einem befreienden Medium gegen die heute verkrusteten Strukturen geworden. Dabei sei jedoch bei vielen auch ein Stolz auf das Land und die Errungenschaften zu spüren, bei aller Kritik.

Silvia Ammirato ist froh in Zürich aufgewachsen zu sein. «Hier habe ich die Möglichkeit gehabt, am nächsten zu dem zu kommen, was ich eigentlich bin». Identitätsprobleme kennt sie nicht. «Dort, wo ich mich wohl fühle, ist meine Heimat».

Züri fürs Volk

spindler.jpg (5183 Byte)Auch Charlotte Spindler fühlt sich in Zürich wohl. Sie schreibt als Journalistin – «manchmal sage ich auch, ich bin Hausfrau» – seit 30 Jahren über Zürich. Gerade sitzt sie an der Neuauflage des Nachschlagewerkes «Züri fürs Volk». Es sei heute nicht mehr so klar wie früher, was alternativ und was kommerziell ist, stellt sie fest. Szenebeizen und ihr Ambiente garantierten für nichts mehr.

Die 52-jährige lief 1972 das erste Mal am 1. Mai mit. Sie gehörte zur POCH, die damals noch in den Anfängen steckte. Man beteiligte sich auch an den sogenannten «Nachdemos» zum offiziellen 1.Mai-Umzug. Spindler erinnert sich, wie sie vor verschiedene Konsulate zogen, um gegen den US-Imperialismus zu protestieren oder die faschistischen Diktaturen in Spanien und Chile anzuprangern.

Seit Jahren beschäftigt sich Charlotte Spindler mit dem öffentlichen Raum und der zunehmenden Ausgrenzung von Menschen. Es fehle in Zürich an Freiräumen. Als Anwohnerin der Bäckeranlage im Kreis 4 erträumt sie sich eine allgemeine Belebung des Parks. Die verschiedensten Menschen aus dem Quartier müssten dort Platz haben.

Was heisst schon «legal»

A.M. hat die Ausgrenzung am eigenen Leibe erfahren, deshalb erscheint er hier auch nicht mit vollem Namen. A.M. stammt aus Sri Lanka. 1990 kam er in die Schweiz, stellte ein Asylgesuch und arbeitet danach drei Jahre im Gastgewerbe. Dann traf der ablehnende Entscheid aus Bern ein. Und die Ausschaffung drohte. Über seinen Sportclub hörte er, dass verschiedene Leute in Zürich ein Refugium für abgewiesene Asylbewerber/-innen einrichten wollen. Er meldete sich bei einer Kontaktadresse. A.M. beteiligte sich in den darauffolgenden Wochen an den Diskussionen zum Refugium, das für die Flüchtlinge zum Symbol werden sollte. Während einem halben Jahr existierte das mobile Refugium, das an verschiedenen Orten in der Stadt Aufnahme fand. Mit der Einführung der Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht – im Februar 1995 – wurde das Projekt abgebrochen. Die Gefahr einer polizeilichen Intervention wurde zu gross. A.M. lebt heute legal in der Schweiz, er hat geheiratet. Doch was heisst schon legal und was illegal? «Nur wegen der fehlenden Papiere war ich illegal. Ich selbst fühlte mich legal. Ich fand immer mehr Freunde und fühlte mich frei».

A.M. weiss, «ich bin weiterhin Ausländer und habe keine politischen Rechte». Er spürt als Mensch mit anderer Hautfarbe oft Ablehnung auf der Strasse. Nicht so an seinem Arbeitsplatz im Spital: «Die Patient/-innen haben grossen Respekt vor mir und ich höre viele Komplimente». Auf den 1. Mai geht er seit 1995 regelmässig. «Es ist der Tag um unsere Stärke zu zeigen, ob Ausländer/-in oder Schweizer/-in.»

Frau und nicht nur Opfer

Auch Ruth Bosshard, seit fünf Jahren in der Schweiz, bekommt als peruanische Einwanderin den Rassismus, aber auchruth.jpg (28058 Byte) den Sexismus zu spüren – gerade im Kreis 4, ihrem Arbeitsort. «Manchmal meinen die Männer, ich sei eine Sexarbeiterin und fragen, wieviel ich koste». Das stört sie an diesem Quartier, auch die Nightclubs, der Zwang der Frauen, sich dort verkaufen zu müssen. Ansonsten gefällt der 36-jährigen, dass hier sehr viele Migrantinnen leben und man die unterschiedlichsten Sprachen hört. Doch irgendwelche Stereotypisierungen lehnt sie ab. «Viele Leute behandeln uns nur als Opfer, das reduziert unsere Identität». Ruth Bosshard arbeitet im Radio Lora, dem alternativen Lokalradio Zürichs, das am 1.Mai-Fest regelmässig mit einem Stand vertreten ist. Sie betreut im LoRa die Frauenstelle, koordiniert die Frauensendungen.

LoRa sendet in dreizehn Sprachen, am Dienstag zum Beispiel ausschliesslich in spanischer Sprache. Ruth Bosshard selbst produziert Sendungen in spanischer und deutscher Sprache. Viele ihrer Sendungen macht sie in einer Frauengruppe. Sie informieren ihre Zuhörerinnen regelmässig über ihre Rechte in Arbeit und Familie, Ausbildungsmöglichkeiten, Veranstaltungen. Und sie sprechen über die Probleme der illegalisierten Frauen. Sie analysieren die ökonomische Bedeutung der Migrantinnen. Ruth Bosshard fordert: «Ich möchte, dass am 1. Mai alle Frauen zu Wort kommen».

Nicht aufs Maul hocken

Peider Filli hat auch schon Sendung auf Radio LoRa produziert – auf Räto-Romanisch. Den 40-jährigen Bündner zog es Mitte der achtziger Jahre nach Zürich, wo der gelernte Koch und Kellner vier Jahre im Tivoli in Spreitenbach arbeitete. In dieser Zeit nahm er auch zum ersten Mal am 1. Mai teil. Im Schwulenblock zog er an einem Leiterwagen, beladen mit einer Kühlbox voller Champagnerflaschen.

peider1.jpg (8095 Byte)Seit fünf Jahren wohnt Peider Filli im Kreis 5. Er arbeitet aktiv in der Quartiergruppe «Stärneföifi» mit, für welche er bei den letzten Gemeinderatswahlen kandidierte. Im Moment kämpft Peider Filli gegen die geplante Viaduktverbreiterung im Kreis 5. Die SBB will dafür einen Teil der für den Kreis 5 so wichtigen Josefswiese abzwacken und vierzig Bäume fällen.

Peider Filli ist ein Vielengagierter. «Ich kann einfach nicht aufs Maul hocken». So ist er, seit er vor sieben Jahren bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ) als Tramführer anfing, auch aktiver Gewerkschafter. Er sitzt inzwischen im Sektionsvorstand der Städtischen Angestellten des VPOD. Die Arbeitsbedingungen bei der VBZ sind nicht rosig. Die Soll-Arbeitszeit beträgt 498 Minuten am Tag, manchmal hat man dazwischen eine Pause von bis zu sechs Stunden. Ein Drittel der VBZ-Angestellten sind gewerkschaftlich organisiert. Zum 1. Mai gehen sie in Uniform – auch Peider Filli. Doch stur im VBZ-Block laufen mag er nicht. «Der 1. Mai ist eine Klassenzusammenkunft, da laufe ich hin und her, um die verschiedensten Bekannten zu treffen».

Daniel Stern