
Die gegenwärtige Krise, die vereinfachend als Finanzkrise bezeichnet wird, ist eigentlich eine Systemkrise. Deshalb müssen die Grundwerte, auf denen unsere westlichen Gesellschaften aufgebaut sind, in Frage gestellt werden. Unser Wirtschaftsmodell, bei dem die Profitmaximierung nach wie vor als oberste Maxime gilt, wird unseren Erdball mitsamt seinen BewohnerInnen zwangsläufig ins Verderben führen, wenn es nicht gelingt, ein radikales Umdenken und Umleben einzuleiten.
Ein radikales anderes Modell ist nach wie vor dasjenige der Selbstverwaltung, bei der die Produktionsmittel denen gehören, die sie verwenden, und das Ziel der Produktion die Stillung der Bedürfnisse der Produzierenden und der ihnen nahe stehenden Menschen ist. Mit diesem Modell soll nicht das Rad der Geschichte zurückgedreht werden und ein Agrarkommunismus der HöhlenbewoherInnen-Zeit heraufbeschworen werden. Auch sollte das Selbstverwaltungsmodell nicht als ein Rückzug in eine kleine, wenn auch kollektive, heile Welt verstanden werden.
Sich selbst zu verwalten, sich also nicht durch andere verwalten zu lassen und nicht andere verwalten zu wollen, kann am Beispiel der Landwirtschaft gut aufgezeigt werden. Diese müsste auf die Selbstversorgung ausgerichtet sein und Überschüsse für den Markt zur Mittelbeschaffung produzieren, um andere Lebensbedürfnisse stillen zu können. Selbstversorgung kann und sollte aber nicht nur im engen Sinne der Familie gemeint sein. Die Forderung der "Via Campesina", dass alle Völker das Recht haben, sich selbst zu ernähren, geht in die gleiche Richtung. Dazu muss aber eine Abkehr der einzig auf Devisenbeschaffung ausgerichteten Produktion stattfinden. Erst dann ist unter Umständen vorstellbar, dass die Zahl der weltweit an Hunger sterbenden Menschen irgendwann wieder abnehmen könnte.
Heute ist der umgekehrte Prozess in Gang. Erstmals ist die Ernährung der Weltbevölkerung nicht nur ein Problem der ungerechten Verteilung der Lebensmittel und anderer Reichtümer sondern der ungenügenden Produktion. Wo 1996 weltweit auch schon 820 Millionen Menschen an Hunger litten, sind es heute bereits 923 Millionen. Und daran ist nicht nur die Zunahme der Weltbevölkerung schuld, denn in relativen Zahlen nimmt der Hunger auch zu.
Schuld ist ein Profitmaximierungs-System, das auch auf die Landwirtschaft ausgedehnt wurde, wo die BäuerInnen und Bauern zu Sklaven des Weltmarktes degradiert und gezwungen werden ihre selbstverwaltete Autonomie aufzugeben.
Claude Braun, Europäische Kooperative Longo maï, Undervelier, den 3. April 2009