

Wir erleben seit Jahrzehnten den Bedeutungsverlust zweier grosser Motoren der Geschichte: Sozialismus und Christentum. Nachdem sie sich Jahrzehnte lang bekämpft haben, haben sie nun plötzlich dieselben Feinde. Es sind die Enttäuschten und Gleichgültigen aller Länder. Aber nicht nur in der Art ihrer Gegner und im Niedergang ähneln sie sich. Sie haben nicht weniger als denselben Urgrund. Es ist, was Marx den „Seufzer der geschundenen Kreatur“ genannt hat: Das Wachhalten von Hoffnung und Widerstand im Augenblick der Ohnmacht.
Che ist Jesus mit der Knarre, Paulus ist Lenin, Rosa Luxemburg ist die Heilige Johanna, die Klöster sind kommunistische Zellen. Sollten also die Linke und die Kirchen nicht gerade heute vermehrt zusammenarbeiten? Spricht nicht vieles dafür und deutet nicht einiges darauf hin, dass es klappen könnte? Das linke Lateinamerika hat viel der Bildungs- und Aufklärungsarbeit der Befreiungstheologie zu verdanken. Die Geschichte der Militärdienstverweigerung ist sowohl links als auch religiös. Nicht wenige Lichtblicke in der Sanspapier-Bewegung gibt es über die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Linken.
Doch zu recht hat die Linke immer die verbürgerlichte Herrschafts-Kirche bekämpft und zu recht hat sich der Widerstand gegen den Realsozialismus massgeblich in den Kirchen artikuliert. Aber was, wenn diese Feindschaft nicht Ausdruck der Gegnerschaft, sondern der grossen gemeinsamen Sache war, indem man nur den eigenen blinden Fleck beim anderen kritisiert hat? Das aber würde heissen, nach den Erkenntnissen aus der Geschichte könnte der Sozialismus durchaus durch religiöse Traditionen erneuert werden und umgekehrt. Hören wir dazu die Erwartung des italienischen Philosophen Gianni Vattimo in seinem Buch „Wie werde ich Kommunist?“:
"Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Führer dieser Religionen eines Tages, wenn sie sich wieder einmal in Assisi treffen sollten, um für den Weltfrieden zu beten, nicht einfach nur die Verbreitung der Gewalt oder, schlimmer noch, den 'Sittenverfall' beklagen, sondern ihrer Hoffnung auf einen neuen Kommunismus ihre Stimme leihen werden, der bereits in den frühen christlichen Gemeinden zum Glauben und zur Praxis gehört hat."
Referat und Diskussion mit Rolf Bossart, Publizist und Redaktor der Monatsschrift Neue Wege - Beiträge zu Religion und Sozialismus